Meinungen

Dienstag, 9. Januar 2018

 

Das neue Jahr fängt ja gut an, denke ich.

In meiner Funktion als Betreuer der Teilnehmer bei einem großen Bildungsträger sehe ich immer wieder

auch Menschen, die sich jenseits der 45 beruflich neu orientieren (müssen).

Manchmal zwingt die Gesundheit die Menschen dazu, den Ursprungsberuf zu wechseln, manchmal der

Umzug aus einem anderen Land nach Deutschland, manchmal machen es die Lebensumstände nötig.

Jedenfalls begegnen mir jede Woche hochmotivierte Menschen, die gerne (wieder) arbeiten wollen.

 

Genau so ein Mensch ist Herr K.

Herr K. ist Akademiker, Dipl. Verwaltungswissenschaftler, Personal- und Organisationsentwickler mit

Fortbildungen im Bereich Personal und Projektmanagement. Herr K. wird Anfang 2018 50 Jahre alt -

seine grauen Haare hat er aber schon seit er Mitte 20 ist - nach einer Extremsport-Erfahrung.

Herr K. ist ruhig, ein ausgleichender Typ, der gut mit Menschen kann, der sich einfügt ohne Lärm zu

machen, der sorgfältig seine Arbeit weg schafft.

Herr K. war bisher bei einem externen Dienstleister der Automobil-Industrie in der Projekt-Dokumentation

beschäftigt, wurde aber zum Jahresende 2017 gekündigt.

Und nun ist er Herr K. ziemlich mutlos, denn er rechnet sich mit knapp 50 keine Chancen mehr aus.

Dabei hat er doch Familie, Haus, alte Mutter und behinderte Schwester, die er finanziell unterstützt.

Seine über 50 Bewerbungen von Ende 2017 fanden noch keine Resonanz.

Herr K. ist Personaler, daher weiss er genau: Am Jahresende werden noch schnell Stellenanzeigen

geschaltet, obwohl es die ausgeschriebene Stelle gar nicht gibt. Er weiss auch, dass junge Personal-

leiter "einen Grauhaarigen" gleich aussortieren.

Herr K. hat Angst.

Und dann liest Herr K. die Zeitung oder SPIEGEL online und er liest von Fachkräftemangel und deswegen

drohendem Wirtschaftsabschwung.

Er kennt alle seine Verpflichtungen als Arbeitssuchender, in welchen Fristen er sich wo zu melden hat

bei der Arbeitsagentur, welche Dokumente er vorlegen musste. Und hatte doch Ende 2017 ganze 8 Wochen

keinen Kontakt zu seinem Ansprechpartner.

 

Ich frage mich:

Wo ist er denn, der Fachkräftemangel? Wird der herbeigeschrieben, um jene Bürger, die wegen der Flüchtlinge

wütend sind, zu besänftigen nach dem Motto: Seht her, wir brauchen die doch!

Herr K. ist Deutscher. Er braucht keine Sprachkurse, keine Einführung in unsere Kultur, Herr K. kennt den

Arbeitsalltag. Herr K. benötigt eine stinknormale Einarbeitung und kann dann loslegen.

Aber Herr K. entspricht dem Jugendwahn nicht.

Können wir es uns als Gesellschaft leisten, eine immer größer werdende Personengruppe, die älteren Menschen

ab ca. 45, bis zum Renteneintritt zu alimentieren?

Können wir es uns als Gesellschaft leisten, diese Menschen 22, 15, 10 Jahre in Hartz IV zu lassen???

Und ich frage vor diesem Hintergrund:

Sind die Hartz IV-Sanktionen überhaupt verfassungsgemäß rechtens?

Denn wofür werden die Menschen denn bestraft, die von Unternehmen nicht mehr eingestellt werden?

Dafür, dass sie von den Unternehmen für zu alt gehalten werden?

 

Wenn die deutsche Wirtschaft sich weiterhin weigert, ältere Menschen einzustellen, die vielleicht keinen

Unternehmensberatungs-getunten Lebenslauf vorweisen können, ist sie dümmer, als man gemeinhin

manchmal sowieso schon annimmt. Dümmer jedenfalls als manch Bewerber.

Unternehmer wären gut beraten, ihren Personal-Verantwortlichen sehr genau auf die Finger zu schauen,

wen diese aussortieren oder gleich dafür zu sorgen, dass komplett anonymisierte Bewerbungen endlich

möglich werden: Ohne Foto, Altersangabe, Geschlecht und nur mit einem Anschreiben und Kurz-Profil.

Davon sind die allermeisten Unternehmen jedoch noch weit entfernt.

 

Wenn die deutsche Wirtschaft so weitermacht, stellt sich ganz klar die Systemfrage.

Wozu brauchen wir dann noch Bildungsträger, die ältere Menschen qualifiziert und umschult, wenn diese

auf dem Arbeitsmarkt ohnehin keine Chance mehr haben.

Wozu brauchen wir eine Arbeitsagentur oder ein JobCenter, wenn eine Vermittlung in Arbeit gar nicht

mehr möglich ist. Um die Arbeitslosigkeit zu verwalten, braucht es heute nur noch Computer-Programme

und das Internet - aber keine tausenden Mitarbeiter. Willkommen auf der anderen Seite des Tisches!

 

Es wäre an der Zeit, dass unsere mut- und ideenlose Riege von Politik-Hanseln endlich den Kopf aus dem ...

zieht und sich um die realen Probleme der Menschen kümmert und sich nicht weiterhin der Lächerlichkeit

preisgibt wie bei diesen peinlichen und endlosen "Sondierungs-Runden".

Ringt Euch endlich zu Neuwahlen durch! Dann wir das neue Jahr ja vielleicht noch gut!

 

P.S.: Den Herrn K. gibt es wirklich. Wer ihn einstellen möchte - ich stelle gerne einen Kontakt her!